Zwischen dem Moment, in dem eine Lithium-Ionen-Zelle anfängt zu versagen, und dem Moment, in dem sie brennt, liegen vier unterscheidbare Stufen. Jede setzt ein anderes Gasbild frei. Wer nur ein Gas misst, sieht davon eine Stufe — und zwar meist die dritte, bei der die Zelle bereits geöffnet hat. Wer das Muster misst, sieht die zweite.
Die folgende Aufstellung folgt der Arbeit von Essl und Kollegen, erschienen 2021 in Batteries, und der daraus abgeleiteten NANOZ-Analyse für Fahrzeugbatterien.
| Stufe | Temperatur | Freigesetzte Gase | Erkennbar |
|---|---|---|---|
| a) Unerwünschte Elektrolyse | 25 °C | H₂, O₂ | ja, Einzelgasnachweis genügt |
| b) Elektrolytdampf | 25–130 °C | Elektrolytlösungsmittel plus H₂O, CO₂, CO, C₂H₆, H₂, C₂H₄ | ja, aber nur über die Signatur |
| c) Erstes Venting | ab ~120–140 °C | zusätzlich CH₄, C₄H₁₀, C₂H₂ | ja, über die Signatur |
| d) Thermal Runaway | bis 700 °C | CO, CO₂, HF | zu spät für ein Eingreifen |
Auffällig ist der Temperatursprung. Zwischen Stufe b und Stufe c liegen rund hundert Grad und damit, je nach Fehlerbild, Minuten bis Stunden. Zwischen Stufe c und Stufe d liegt der Unterschied zwischen einem geöffneten Zellgehäuse und einem Brand.
Der naheliegende Ansatz ist, auf Wasserstoff zu messen. Er entsteht bereits in Stufe a durch unerwünschte Elektrolyse, er ist leicht nachzuweisen, und Sensoren dafür gibt es seit Jahrzehnten.
Das Problem ist nicht der Nachweis, sondern die Unterscheidbarkeit. In Stufe a entsteht Wasserstoff auf Zellebene in kleinen Mengen — dort, wo er noch nicht bis zu einem Sensor am Packgehäuse gelangt. Bis genug Wasserstoff im Messvolumen ist, um eine belastbare Schwelle zu überschreiten, ist die Zelle in aller Regel schon beim Venting angekommen. Sensoren nach dem Wärmeleitfähigkeitsprinzip messen zudem eine Summengrösse: Sie erkennen, dass sich die Wärmeleitfähigkeit des Gasgemischs geändert hat, nicht wodurch.
Das führt zu einem Dilemma, das in der Praxis unter Fehlern erster und zweiter Art bekannt ist. Setzt man die Schwelle niedrig, löst jede Störgrösse von aussen einen Alarm aus — ein Fahrzeug, das in einer Tiefgarage neben einem laufenden Verbrenner steht, oder eine Reinigungsmittelwolke in der Werkstatt. Setzt man sie hoch, erkennt man das Ereignis erst, wenn es ohnehin sichtbar ist. Beides ist für ein Batteriemanagementsystem unbrauchbar.
In Stufe b verdampft der Elektrolyt beschädigter Zellen. Das ist der früheste Zeitpunkt, zu dem sich ein Zellschaden ausserhalb der Zelle bemerkbar macht — und zugleich der schwierigste Nachweis, denn es tritt kein einzelnes Leitgas aus, sondern ein Gemisch.
Erschwerend kommt hinzu: Die Zusammensetzung hängt vom Zelltyp ab. Vier gängige Elektrolytformulierungen ergeben vier verschiedene Gasbilder.
| Zelltyp | Elektrolytlösungsmittel in Stufe b |
|---|---|
| Typ 1 | EC + EMC |
| Typ 2 | EC + EMC + DMC |
| Typ 3 | EC + DMC + DEC |
| Typ 4 | EC + EMC + PC |
Dazu kommen in allen Fällen Wasser, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Ethan, Wasserstoff und Ethylen. Ein Sensor, der auf ein einzelnes Leitgas kalibriert ist, müsste also für jeden Zelltyp neu ausgelegt werden — und wäre gegenüber einem Zelltyp blind, den der Hersteller später wechselt.
Genau hier liegt der Grund, warum die Aufgabe eine elektronische Nase verlangt und keinen Einzelgassensor: Nicht die Konzentration eines Stoffes ist die Information, sondern das Verhältnis mehrerer Stoffe zueinander. Dieses Verhältnis ist charakteristisch für „Elektrolyt verdampft" und unterscheidet sich von „draussen fährt ein Diesel vorbei".
Für die Gasdetektion in Batteriesystemen stehen drei Technologien zur Wahl. Die Arbeit von Essl und Kollegen kommt zum Ergebnis, dass Metalloxidsensoren die besten Kandidaten für die Erkennung von Batteriefehlern sind. Die Gründe sind Geschwindigkeit und Breite: MOx ist der schnellste Gassensor für den Nachweis eines beginnenden Thermal Runaway und erfasst ein breites Band an Gasen gleichzeitig.
Die Bauform entscheidet mit. Ein optischer Sensor misst rund 20 mm im Durchmesser, eine elektrochemische Zelle etwa 9,2 × 12,4 mm. Ein MOx-Chip misst 1,15 × 1,15 mm. In einem Batteriepack, in dem Bauraum in Millimetern gerechnet wird und Sensoren an mehreren Stellen sitzen sollen, ist das kein Nebenaspekt.
Optische Verfahren bringen zudem hohen Stromverbrauch und hohen Preis mit, elektrochemische Zellen altern und müssen nachkalibriert oder getauscht werden. Beides passt schlecht zu einem Bauteil, das über die Lebensdauer eines Fahrzeugs im Pack verbaut bleibt.
MOx-Sensoren haben einen schlechten Ruf, und zwar aus vier konkreten Gründen. Sie hier zu verschweigen, wäre unredlich; sie zu nennen, erklärt zugleich, was NANOZ daran geändert hat.
Vier Sensorelemente und zwei Heizer sitzen auf demselben Chip von 1,15 mm Kantenlänge. Weil jedes Element eine andere Schicht, eine andere Lage zum Heizer und damit eine andere lokale Betriebstemperatur hat, entstehen aus einem Gasereignis vier verschiedene Signalverläufe. Ein Deep-Learning-Modell wertet diese vier Verläufe gemeinsam aus.
Das Ergebnis ist eine für jede Gaskonzentration und jedes Gasgemisch charakteristische Signatur. Für die Batterieanwendung heisst das: Nicht „irgendein reduzierendes Gas ist da", sondern „das Muster entspricht verdampfendem Elektrolyt". Wie das im Detail funktioniert, steht auf der Technologieseite; die Kennwerte des Bauteils stehen im Datenblattauszug.
Die Arbeitsteilung ist dabei bewusst gewählt. Das Sensorbauteil — Siliziumträger, Transducer, sensitive Schicht — ist für eine ganze Gasgruppe dasselbe und deckt VOC, Kohlenmonoxid, Ozon, Ethanol und weitere gleichzeitig ab. Der Algorithmus dagegen wird auf den Anwendungsfall zugeschnitten: ein einzelnes Zielgas oder ein bestimmtes Gemisch, Identifikation und Konzentration, eingebettet im Mikrocontroller des Kunden.
Für einen Batteriehersteller bedeutet das: Die Hardware muss nicht neu qualifiziert werden, wenn sich die Elektrolytformulierung ändert. Neu trainiert wird das Modell.
Zwei Einbaulagen kommen in Frage. Im Batteriepack selbst, auf Packebene: Dort erreicht das Gas den Sensor am frühesten, die Umgebung ist thermisch und mechanisch anspruchsvoll. Oder ausserhalb, nahe am Pack: einfacher zu verbauen und zu warten, dafür mit Verzögerung und stärkerem Einfluss der Umgebungsluft.
Die Entscheidung fällt in der Regel zugunsten mehrerer Sensoren im Pack, verteilt über die Module — was nur funktioniert, wenn Bauform und Stromverbrauch das zulassen.
Von der ersten Bewertung bis zur Serienlieferung sind drei Phasen vorgesehen. Sie hier zu nennen, erspart die Rückfrage, was ein Einstieg praktisch bedeutet.
Parallel dazu läuft die Produktentwicklung auf Kundenseite, für die sechs bis achtzehn Monate üblich sind. Zwischen Design-Win und Serienlieferung liegen also realistisch anderthalb bis zwei Jahre — eine Zeitachse, die zu Fahrzeugprojekten passt und die man kennen sollte, bevor man anfängt.
Die Vorwarnzeit ist längst keine Frage der Produktphilosophie mehr. China hat mit GB 38031-2020 als erstes Land eine Fünf-Minuten-Vorwarnung verbindlich gemacht: Nach dem thermischen Versagen einer Zelle darf es mindestens fünf Minuten lang weder brennen noch explodieren, damit die Insassen aussteigen können.
Die Nachfolgefassung GB 38031-2025 ist seit Juli 2026 für neue Fahrzeuge verbindlich und verschärft das deutlich: kein Feuer und keine Explosion für zwei Stunden nach dem auslösenden Ereignis. Das Alarmsignal muss spätestens fünf Minuten nach dem ausgelösten Thermal Runaway einer Zelle vorliegen, und in dieser Zeitspanne darf kein Rauch in den Fahrgastraum gelangen.
Für die Sensorik folgt daraus eine schlichte Rechnung. Die fünf Minuten laufen ab dem ausgelösten Runaway. Wer erst beim ersten Venting misst, verbraucht einen erheblichen Teil dieses Budgets für die Detektion selbst und hat für Warnung, Abschaltung und Eingriff entsprechend weniger übrig. Wer eine Stufe früher erkennt, gewinnt genau dort Reserve, wo sie gebraucht wird.
Was der Sensor nicht leistet: Er macht ein Batteriesystem nicht normkonform. Die Prüfungen nach GB 38031 richten sich an das Batteriesystem als Ganzes, nicht an ein Bauteil. Eine frühere Detektion ist ein Baustein davon — kein Nachweis.
In der Sensorik unterscheidet man Fehler erster Art — Alarm ohne Ereignis — und zweiter Art — Ereignis ohne Alarm. In der Batterieanwendung haben beide unangenehme Folgen, aber unterschiedlicher Natur.
Ein Fehlalarm führt im günstigen Fall dazu, dass ein Fahrzeug in die Werkstatt kommt und nichts gefunden wird. Im ungünstigen Fall lernt der Fahrer, die Warnung zu ignorieren — und dann ist der Alarm auch dann wirkungslos, wenn er berechtigt ist. Für den Hersteller kommen Garantiefälle, Rückrufaktionen und ein Reputationsschaden hinzu, der sich nicht beziffern lässt.
Ein übersehenes Ereignis ist der Fall, für den die Norm gemacht wurde. Er ist seltener, aber er trägt das gesamte Haftungsrisiko.
Beide Fehlerarten entstehen aus derselben Ursache: Ein Sensor, der nur einen Summenwert liefert, muss über eine Schwelle entscheiden. Und jede Schwelle, die tief genug für frühe Erkennung liegt, ist auch tief genug für die Störgrössen der realen Umgebung. Die Musterauswertung dreht die Frage um: Nicht „ist der Wert über der Schwelle", sondern „passt das Muster zu verdampfendem Elektrolyt". Ein vorbeifahrender Diesel erzeugt ein anderes Muster, egal wie hoch sein Absolutwert ist.
Ein Batteriemanagementsystem misst ohnehin. Die Frage ist, was es zuerst sieht.
Das ist kein Argument gegen die anderen Grössen; ein Batteriemanagementsystem braucht sie alle. Es ist ein Argument dafür, dass die Gasmessung den frühesten verfügbaren Kanal darstellt — und dass sie deshalb der Ort ist, an dem Vorwarnzeit gewonnen wird.
Damit die Klassifikation für eine bestimmte Zelle funktioniert, muss sie darauf trainiert werden. Der Aufwand dafür ist überschaubar, aber er ist nicht null, und er lässt sich nicht überspringen.
Gebraucht werden Aufnahmen des Sensorsignals unter drei Bedingungen: Referenzluft für die Basislinie, die Zielgase in bekannten Konzentrationen — also die Elektrolytlösungsmittel des jeweiligen Zelltyps, einzeln und im Gemisch — und Störgrössen, die im Einbauort realistisch vorkommen. Der letzte Punkt wird regelmässig unterschätzt und entscheidet über die Fehlalarmrate.
Dazu kommen die Randbedingungen: Temperatur und Feuchte über den erwarteten Bereich, weil beide das Signal verschieben, sowie mehrere Exemplare des Sensors, weil die Kennwerte von Chip zu Chip schwanken. Erst aus dieser Datenbasis entsteht ein Modell, das im Merkmalsraum sauber trennt — und erst die Clustertrennung zeigt, ob die Aufgabe überhaupt lösbar ist.
Die Frage bei der Batterieüberwachung ist nicht, ob sich ein Thermal Runaway detektieren lässt — spätestens in Stufe c tut das jeder brauchbare Sensor. Die Frage ist, ob die Meldung früh genug kommt, um noch etwas zu unternehmen, und ob sie zuverlässig genug ist, dass ihr jemand glaubt.
Beides hängt an derselben Eigenschaft: der Fähigkeit, ein Gasgemisch von einem anderen zu unterscheiden. Ein Einzelgassensor hat sie nicht. Ein MOx-Sensor mit vier Elementen und einer darauf trainierten Klassifikation hat sie.
Schicken Sie uns die Elektrolytformulierung und die Einbausituation. Wir sagen Ihnen, ob sich die Stufe b in Ihrem Aufbau sauber von Störgrössen trennen lässt — und wenn nicht, woran es liegt.
Anfrage sendenQuellen: Essl, C. et al., Early Detection of Failing Automotive Batteries Using Gas Sensors, Batteries 7(2), 2021; NANOZ, Detection of Failing Automotive Batteries, September 2023; Datenblatt NANOZ NZGS 2, Revision 3.3.0.
