Die meisten Luftgütesensoren geben eine Zahl aus: TVOC, die Summe aller flüchtigen organischen Verbindungen. Diese Zahl steigt, wenn jemand Formaldehyd ausdünstende Möbel aufstellt — und sie steigt genauso, wenn jemand mit Alkohol desinfiziert. Wer daraus eine Entscheidung ableiten will, braucht nicht die Summe, sondern die Aufteilung.
Seit dem 6. August 2026 gilt in der Europäischen Union eine verschärfte Beschränkung für Formaldehyd in Erzeugnissen. Die Verordnung (EU) 2023/1464 fügt dem Anhang XVII der REACH-Verordnung den Eintrag 77 hinzu und begrenzt, wie viel Formaldehyd ein Erzeugnis in die Innenraumluft abgeben darf.
| Erzeugnisgruppe | Grenzwert | entspricht | gilt seit |
|---|---|---|---|
| Holzwerkstoffe, Möbel | 0,062 mg/m³ | rund 50 ppb | 6. August 2026 |
| Innenraum von Strassenfahrzeugen | 0,062 mg/m³ | rund 50 ppb | 6. August 2027 |
| Übrige Erzeugnisse — Textilien, Leder, Kunststoffe, Baustoffe, Elektronik |
0,080 mg/m³ | rund 65 ppb | 6. August 2026 |
Umrechnung bei 25 °C und 1013 hPa, molare Masse 30,03 g/mol. Quelle der Grenzwerte: Verordnung (EU) 2023/1464 zur Änderung des Anhangs XVII der REACH-Verordnung, Eintrag 77.
Für Hersteller von Möbeln, Bodenbelägen, Dämmstoffen und Elektronik ist das eine harte Anforderung mit Prüfpflicht. Und es verschiebt den Massstab: Formaldehyd ist damit in einer Grössenordnung reguliert, in der ein Summenwert nichts mehr aussagt.
Ein klassischer VOC-Sensor misst eine Widerstandsänderung seiner Sensorschicht. Reduzierende Gase senken diesen Widerstand — praktisch alle, unterschiedlich stark, aber ununterscheidbar. Das Ergebnis ist eine einzige Zahl, die als „TVOC" ausgegeben wird.
Diese Zahl hat drei Schwächen, die im Innenraum alle gleichzeitig auftreten:
Der NZGS 2 trägt vier Sensorelemente auf einem Chip von 1,15 × 1,15 mm, davon Schichten aus Zinndioxid und Wolframtrioxid. Weil jedes Element eine andere Schicht, eine andere Lage zum Heizer und damit eine andere Arbeitstemperatur hat, erzeugt ein Gasereignis vier verschiedene Signalverläufe. Aus deren Verhältnis zueinander wird der Stoff bestimmt, nicht aus der Höhe eines einzelnen Ausschlags.
| Gas | Nachweisgrenze | Schicht | Wo es herkommt |
|---|---|---|---|
| Aceton | 25 ppb | SnO₂ | Lösungsmittel, Reinigungsmittel, Kosmetik, Atemluft |
| Ethanol | 30 ppb | SnO₂ | Desinfektionsmittel, Reiniger, Farben — die häufigste Störgrösse im Innenraum |
| Formaldehyd (HCHO) | 30 ppb | SnO₂ | Holzwerkstoffe, Klebstoffe, Lacke, Textilausrüstung |
| Kohlenmonoxid (CO) | 900 ppb | WO₃ | unvollständige Verbrennung: Gasgeräte, Kamine, Garagen |
Im Datenblatt Rev. 3.3.0 zugesicherte Werte, bestimmt unter Laborbedingungen: 24 h Stabilisierung, 25 °C, 45 % relative Feuchte. Es handelt sich um typische Kennwerte, die von Chip zu Chip schwanken. Ethylen (400 ppb) ist der fünfte zugesicherte Wert und gehört zum Thema Lebensmittel.
Darüber hinaus nachgewiesen, aber ohne zugesicherte Nachweisgrenze im Datenblatt: BTEX — also Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylol —, Stickstoffdioxid, Ozon, Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Wasserstoff, Methan und Lachgas. Messwerte und Prüfbedingungen dazu gibt es projektbezogen.
Der zugesicherte Wert von 30 ppb entspricht bei 25 °C und 1013 hPa rund 0,037 mg/m³. Der strengere der beiden neuen Grenzwerte liegt bei 0,062 mg/m³, also bei etwa 50 ppb.
Das ist bewusst als Verhältnis formuliert und nicht als Konformitätsaussage. Die Nachweisgrenze bezeichnet, ab welcher Konzentration ein Stoff überhaupt sicher erkannt wird — nicht, mit welcher Genauigkeit seine Konzentration angegeben werden kann. Für eine Konzentrationsangabe braucht es eine Kalibrierung auf den Anwendungsfall.
Ein Innenraum ist für einen Gassensor eine unruhige Umgebung. Die Stoffe, die einen TVOC-Sensor am zuverlässigsten in die Irre führen, sind gerade die harmlosen:
Genau hier entscheidet sich, ob eine Messung brauchbar ist. Ein Sensor, der Ethanol von Formaldehyd unterscheiden kann, meldet beim Desinfizieren nichts und beim neuen Schrank etwas. Ein Summenwert macht es umgekehrt — er meldet beim Desinfizieren viel und beim Schrank wenig, weil der eine Vorgang kurz und stark, der andere dauerhaft und schwach ist.
CO gehört nicht zu den VOC und wird auf einer anderen Schicht erkannt: Wolframtrioxid statt Zinndioxid. Der zugesicherte Wert liegt bei 900 ppb, also rund 0,9 ppm.
Zur Einordnung: Das ist eine Grössenordnung, in der CO als Hinweis auf eine unvollständige Verbrennung taugt — ein Gasgerät, das nicht sauber brennt, ein Kamin mit schlechtem Zug, ein Fahrzeug in einer angrenzenden Garage.
Für die Aussenluft sind andere Stoffe massgeblich, vor allem Stickstoffdioxid aus Verkehr und Verbrennung sowie bodennahes Ozon. Beide werden über die Wolframtrioxid-Schicht erkannt. Das Datenblatt nennt für sie keine zugesicherten Nachweisgrenzen — Werte und Prüfbedingungen lassen sich projektbezogen bestimmen.
Interessant wird es, wenn beide Richtungen zusammenkommen: Ein Gerät, das innen VOC und CO und aussen NO₂ und O₃ erfasst, kann die Frage beantworten, ob Lüften die Luft gerade verbessert oder verschlechtert. Für eine Lüftungssteuerung ist das die eigentlich entscheidende Information, und sie lässt sich aus einem Summenwert nicht gewinnen.
Am Anfang steht die Frage, ob sich die Zielstoffe in der konkreten Umgebung sauber trennen lassen. Das lässt sich nicht aus Kennwerten ableiten, sondern nur messen. Dafür gibt es das Evaluation Kit mit Auswerteelektronik und Software: Es nimmt die vier Signalverläufe auf, extrahiert die Merkmale und zeigt, ob die Zielstoffe im Merkmalsraum getrennte Bereiche bilden.
Aufgenommen werden dabei Referenzluft für die Basislinie, die Zielstoffe in bekannten Konzentrationen und die Störgrössen, die am Einbauort realistisch vorkommen. Der letzte Punkt wird regelmässig unterschätzt und entscheidet über die spätere Fehlalarmrate. Dazu die Randbedingungen Temperatur und Feuchte über den erwarteten Bereich sowie mehrere Sensorexemplare, weil die Kennwerte streuen.
Zur Einordnung des Bauteils selbst: QFN-8 mit 2,8 × 2,8 × 1,6 mm, rund 70 mW Leistungsaufnahme, Lieferung auf Tape and Reel. Alle Kennwerte stehen im Datenblatt-Auszug, das Messprinzip auf der Technologieseite.
Schreiben Sie uns, welche Stoffe Sie unterscheiden müssen und wo der Sensor sitzen soll. Wir sagen Ihnen, ob sich die Aufgabe in Ihrer Umgebung lösen lässt — und wenn nicht, woran es liegt.
Anfrage sendenQuellen: Verordnung (EU) 2023/1464 der Kommission vom 14. Juli 2023 zur Änderung des Anhangs XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH) hinsichtlich Formaldehyd und Formaldehydabspaltern; NANOZ NZGS 2, Datenblatt Rev. 3.3.0.
